Jenseits des Gewöhnlichen
Eine persönliche Reise durch die Albanischen Alpen – mit den Augen eines Guides, der seine Leidenschaft für die Berge teilt.
Eine persönliche Reise durch die Albanischen Alpen – mit den Augen eines Guides, der seine Leidenschaft für die Berge teilt.
Als ich noch ein Kind war, träumte ich immer davon, eines Tages die Gipfel hoher Berge zu besteigen. Damals wusste ich noch nicht, dass dieser Traum mich später nicht nur in die Berge führen würde, sondern sogar zu meinem Beruf werden sollte.
Eigentlich ist der Berg das genaue Gegenteil meiner Kindheit, denn ich bin am Meer aufgewachsen und nicht in den Bergen. Trotzdem war meine Liebe zu den Bergen schon immer etwas Besonderes – wie eine erste Liebe, die man noch nie zuvor erlebt hat, die man aber im Herzen bereits zu kennen glaubt. Und genau so sollte es auch kommen.
Als ich zum ersten Mal durch den Nationalpark Valbona nach Theth wanderte, war ich überwältigt von der Schönheit und der gewaltigen Größe dieser Landschaft. Ich fühlte mich, als wäre ich auf einem unbekannten Planeten angekommen – an einem Ort, der so beeindruckend wirkte, als wäre er die Kulisse eines großen Films.
Vor mir erhoben sich majestätische Berge mit schneebedeckten Gipfeln, schroffen Felsformationen und weiten, fast unberührten Hängen. Es war eine Landschaft von einer Schönheit, die sich nur schwer in Worte fassen lässt.
Mein erster Besuch in Valbona erfolgte gemeinsam mit Freunden, die diese Region bereits kannten.
Das gab mir Sicherheit und machte mich neugierig auf dieses Abenteuer. Ich hatte schon viele Berichte über die berühmte Wanderung von Valbona nach Theth gelesen, doch oft fehlten genau jene kleinen Details, die für Reisende besonders wichtig sind: persönliche Erfahrungen, praktische Hinweise und Informationen, die man nicht überall findet.
Genau deshalb möchte ich diese Geschichte erzählen – um nicht nur eine wunderschöne Route zu beschreiben, sondern auch Einblicke in all jene kleinen Dinge zu geben, die diese Reise durch die faszinierenden Albanischen Alpen so besonders machen.
Als staatlich anerkannter albanischer Reiseleiter arbeite ich seit vielen Jahren im Tourismus, vor allem mit deutschsprachigen Reisegruppen. Dadurch kenne ich diese Region inzwischen sehr gut. Valbona und Theth sind kleine Bergdörfer, in denen jeder jeden kennt. Während der Saison von April bis Oktober komme ich fast alle zwei Wochen hierher, und mit der Zeit sind enge Beziehungen zu den Menschen vor Ort entstanden. Die Bewohner begrüßen uns nicht nur als Gäste, sondern fast wie Freunde. Wenn wir einmal länger nicht kommen, rufen sie manchmal an und fragen, ob alles in Ordnung ist. Gibt es eine herzliche Form der Gastfreundschaft?
Shkodra – der Beginn des Abenteuers
Meine Reise nach Valbona beginnt grundsätzlich in Shkodra, einer Stadt, die für mich der perfekte Ausgangspunkt für dieses Abenteuer ist. Hier verbringen wir mit unserer Gruppe die erste Nacht, bevor wir am nächsten Morgen früh in Richtung Koman aufbrechen.
Bei der Auswahl unserer Unterkünfte achten wir besonders auf Atmosphäre, Sauberkeit und Gastfreundschaft. Zu unseren bevorzugten Hotels gehören das Hotel Tradita und das Nord Boutique Hotel
Das Hotel Tradita trägt seinen Namen nicht zufällig: „Tradita“ bedeutet Tradition, und genau diese Verbindung zur Vergangenheit spiegelt sich auch in der Einrichtung wider. Für viele Besucher ist gerade diese authentische Atmosphäre ein besonderer Teil des Erlebnisses – eine Verbindung zur Kultur und Geschichte von Shkodra.
Neben den gemütlichen Zimmern überzeugt das Hotel auch durch sein freundliches und professionelles Personal sowie durch sein Restaurant, das traditionelle albanische Küche zu einem sehr guten Preis-Leistungs-Verhältnis anbietet.
Auch das Nord Boutique Hotel ist eine sehr gute Wahl für Reisende, die Wert auf Komfort und einen herzlichen Service legen. Da dieses Hotel am Abend kein eigenes Restaurant anbietet, nutzen wir gerne die Gelegenheit, eines der vielen guten Restaurants in Shkodra zu besuchen.
Besonders empfehlenswert sind zum Beispiel das Fisi Restaurant, das traditionelle albanische Spezialitäten mit internationalen Gerichten verbindet, sowie Sofra Shkodrane, wo man klassische albanische Küche mitten im Zentrum der Stadt genießen kann.
Darüber hinaus gibt es in Shkodra viele weitere gemütliche Lokale, die leicht erreichbar sind und Besuchern einen authentischen Eindruck von der kulinarischen Tradition der Region vermitteln.
Am nächsten Morgen beginnt dann die eigentliche Reise in Richtung Albanische Alpen. Gegen 6:30 Uhr starten wir mit unserem 20-sitzigen Sprinter von Shkodra zum Hafen von Koman – dem Ausgangspunkt für den nächsten Höhepunkt dieser außergewöhnlichen Reise.
Die Straße nach Koman – der erste Höhepunkt der Reise
Nach der Abfahrt aus Shkodra beginnt bereits der erste besondere Abschnitt unserer Reise. Die Straße zum Hafen von Koman führt durch eine beeindruckende Berglandschaft entlang des Flusses und des später entstandenen Koman-Stausees.
Diese außergewöhnliche Strecke wurde Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre gebaut, zeitgleich mit der Errichtung des Koman-Kraftwerks. Die Wasserkraft dieses Sees spielte eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Stromversorgung Albaniens.
Viele Jahre danach wurde die Straße jedoch stark vernachlässigt. Tiefe Schlaglöcher machten die Fahrt mühsam und verlängerten die Reise erheblich. Mit der wachsenden Bedeutung des Tourismus in dieser Region investierte der albanische Staat schließlich umfangreich in die Erneuerung dieser Strecke.
Früher dauerte die Fahrt über die etwa 35 Kilometer lange Straße fast zweieinhalb Stunden. Heute erreicht man den Hafen von Koman in ungefähr einer Stunde.
Obwohl sich die Straße durch ein wildes und felsiges Berggebiet schlängelt, ist sie sicher und stellt keine Gefahr für Reisende dar. Im Gegenteil: Sie ist bereits ein Teil des Abenteuers und bereitet die Besucher auf die außergewöhnliche Landschaft vor, die sie erwartet.
Die spektakuläre Landschaft auf dem Weg zum Hafen
Sobald wir die Höhe der Straße erreichen, die zum Hafen von Koman führt, eröffnet sich auf der linken Seite ein beeindruckender Blick auf den riesigen See, dessen Ausdehnung fast unendlich erscheint. Dieses Panorama begleitet uns während der gesamten Fahrt.
Unterwegs halten wir mehrmals an, damit die Reisenden Fotos machen und die Schönheit dieser wilden Natur genießen können. Diese kurzen Pausen sind nicht nur für schöne Erinnerungen wichtig – sie geben den Gästen auch die Möglichkeit, den besonderen Charakter dieser Landschaft wirklich auf sich wirken zu lassen.
Nach diesen eindrucksvollen Momenten setzen wir unsere Fahrt zum berühmten Hafen von Koman fort.
Die Fähren auf dem Koman-See – wichtige Informationen für Reisende
Am Hafen angekommen, fällt sofort die Vielfalt der Fahrzeuge und Reisenden auf. Alle haben dasselbe Ziel: rechtzeitig die Fähre zu erreichen, die sie bereits im Voraus reserviert haben.
Die offiziellen Fahrpläne der Fähren sind seit Jahren festgelegt.
Die Fähre Berisha fährt täglich:
- von Koman nach Fierza: 09:00 Uhr morgens
- von Fierza nach Koman: 13:00 Uhr mittags
Da die Fähre pünktlich ablegt, empfehle ich den Reisenden, mindestens 30 Minuten vor der Abfahrt am Hafen zu sein.
Die Überfahrt dauert ungefähr 2 Stunden und 30 Minuten. Die Fähre transportiert sowohl Passagiere als auch Fahrzeuge, darunter Autos, Motorräder und Fahrräder.
Auch die Fähre Alpin fährt täglich:
- von Koman nach Fierza: 09:00 Uhr morgens
- von Fierza nach Koman: 13:00 Uhr mittags
Die Fahrt dauert ungefähr 2 Stunden. Diese Fähre ist größer und wurde für den Transport einer größeren Anzahl von Passagieren sowie verschiedener Fahrzeugtypen gebaut, einschließlich Busse und Lastwagen.
Meine Erfahrung am Hafen von Koman
Im Hafen von Koman kennt man mich inzwischen sehr gut. Die Mitarbeiter sowie die Verantwortlichen für die Organisation vor Ort kennen meine Reisegruppen und unsere Abläufe.
Das ist für meine Gäste ein großer Vorteil, denn dadurch können wir unnötige Wartezeiten vermeiden und die Organisation vor Ort entspannter gestalten.
An sonnigen Tagen empfehle ich meinen Reisenden, direkt nach dem Einstieg auf die obere Aussichtsplattform der Fähre zu gehen. Von dort bietet sich ein spektakulärer 360-Grad-Blick auf die umliegenden Berge und den See.
Die obere Plattform verfügt über bequeme Sitzmöglichkeiten wie Stühle und Sofas. Der Bereich ist mit einem Sonnendach geschützt, sodass die Passagiere die Aussicht genießen können, ohne der intensiven Sonne ausgesetzt zu sein.
Beide Fähren verfügen über Toiletten. Während der gesamten Überfahrt besteht außerdem die Möglichkeit, im eigenen Bus oder Fahrzeug zu bleiben – eine Gelegenheit, um sich auszuruhen, ein kleines Nickerchen zu machen oder einfach die Reise in Ruhe zu genießen.
Aus kleinen Anfängen heraus sind wir mit konsequenter Hingabe und dem Anspruch an kontinuierliche Verbesserung gewachsen. Integrität und Zusammenarbeit sind dabei stets unsere Leitprinzipien geblieben. Wir leben für das, was wir tun – und möchten unsere Geschichte gerne mit dir teilen.
Eine internationale Begegnung auf dem Wasser
Was diese Überfahrt besonders macht, ist die Vielfalt der Menschen an Bord. Fast alle Passagiere sind ausländische Besucher.
Man begegnet Familien mit Wohnmobilen, jungen Paaren mit umgebauten Vans, Motorrad Reisenden, Trekking-Fahrradfahrern und internationalen Reisegruppen aus den unterschiedlichsten Ländern. Gerade diese Mischung verleiht der Fahrt eine ganz besondere Atmosphäre. Menschen mit unterschiedlichen Geschichten und verschiedenen Kulturen treffen sich für einige Stunden auf diesem außergewöhnlichen See.
Die meisten Reisenden sind auf dem Weg in den Nationalpark Valbona. Einige jedoch setzen ihre Reise mit eigenen oder gemieteten Fahrzeugen weiter in Richtung Kosovo – dem historischen Gebiet Dardanien – fort.
Schon diese Fahrt über den Koman-See zeigt, dass die Reise nach Valbona nicht erst bei der Wanderung beginnt. Das Abenteuer beginnt bereits auf dem Weg dorthin.
Ankunft in Fierza und die Fahrt nach Valbona
Nach ungefähr zwei Stunden erreicht die Fähre Fierza – einen Ort, der früher als kleine Arbeiterstadt bekannt war. Hier lebten einst die Menschen, die am Bau der großen Staumauer und des Koman-Kraftwerks beteiligt waren.
Heute wirkt diese kleine Siedlung fast verlassen. Die abgelegene Lage und die schwierigen Lebensbedingungen haben dazu geführt, dass nur noch wenige Menschen dauerhaft hier leben. Von Fierza aus geht unsere Reise weiter nach Valbona. Die Strecke ist ungefähr 40 Kilometer lang und dauert normalerweise etwa eine Stunde bis eine Stunde und 15 Minuten. Bei uns dauert diese Fahrt jedoch meistens deutlich länger – und das ist ganz bewusst so. Denn entlang des Flusses Valbona gibt es zahlreiche Orte, an denen man einfach anhalten möchte.
Das kristallklare Wasser des Flusses fließt durch das Tal, begleitet von den gewaltigen Bergen auf beiden Seiten. Oft steigen meine Gäste aus, gehen näher zum Wasser und möchten diesen besonderen Moment mit allen Sinnen erleben – die Ruhe, die Landschaft und sogar die Kälte des Bergwassers spüren. Genau diese kleinen Augenblicke gehören für mich zu den schönsten Erinnerungen dieser Reise.
Ein kurzer Besuch an der alten Mühle von Valbona
Etwa 20 Minuten vor unserer Ankunft am Hotel machen wir häufig noch einen kurzen Halt an einer kleinen historischen Sehenswürdigkeit: der ehemaligen Dorfmühle von Valbona. Diese traditionelle Steinmühle wurde früher genutzt, um das Getreide der Dorfbewohner zu mahlen. Hier bereiteten die Menschen ihre Vorräte vor, bevor der lange und harte Winter in den Bergen begann. Nach diesem Besuch dauert die letzte Etappe bis zur Unterkunft nur noch etwa 20 Minuten.
Übernachten in Valbona – meine persönlichen Empfehlungen
In Valbona gibt es zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten. Auch wenn jede Unterkunft ihren eigenen Charme hat, habe ich persönlich besonders gute Erfahrungen mit der Gasthaus Margjeka der Gasthaus Kol Gjoni und dem Hotel Breezi gemacht.
Das Hotel Breezi ist eine moderne Unterkunft und bietet sowohl im Restaurantbereich als auch im Außenbereich angenehme Bedingungen. Besonders praktisch ist auch der großzügige Platz für Fahrzeuge – ein Vorteil für Reisende, die mit Auto, Motorrad oder größeren Fahrzeugen unterwegs sind. Jedoch mein persönlicher Favorit bleibt jedoch Gasthaus Margjeka
Mein persönlicher Favorit bleibt jedoch das Gästehaus Margjeka. Nicht, weil dort Luxus oder außergewöhnlicher Komfort im Mittelpunkt stehen, sondern wegen etwas viel Wertvollerem: der besonderen familiären Atmosphäre.
Nicht, weil dort Luxus oder außergewöhnlicher Komfort im Mittelpunkt stehen, sondern wegen etwas viel Wertvollerem: der besonderen familiären Atmosphäre.
Diese Stimmung ist vor allem der Besitzerin zu verdanken. Sie wurde in Deutschland, in Magdeburg geboren und wuchs dort auf. Doch nachdem sie ihren späteren Ehemann kennengelernt und die beeindruckende Landschaft kennengelernt hatte, in der er aufgewachsen war, traf sie eine außergewöhnliche Entscheidung: Sie verließ Deutschland und baute gemeinsam mit ihrer Familie ein neues Leben mitten in den Albanischen Alpen auf – in Valbona. Es war ein mutiger Schritt, der ihr Leben grundlegend verändert hat. Heute ist sie mit ihrer Familie weit über die Grenzen Albaniens hinaus bekannt.
Für viele meiner Gäste ist diese Geschichte etwas ganz Besonderes. Kaum jemand erwartet, in einem abgelegenen Bergdorf der Albanischen Alpen einer Frau zu begegnen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist und dennoch hier ihre Heimat gefunden hat.
Der erste Abend in Valbona – Gastfreundschaft zwischen Bergen
Nach unserer Ankunft in Valbona essen wir zunächst eine Kleinigkeit und beziehen anschließend unsere Zimmer. Einige Gäste können jedoch kaum warten und machen sich sofort auf den Weg, um die beeindruckende Umgebung dieses Bergtals zu entdecken.
Am Abend treffen wir uns wieder zum gemeinsamen Abendessen. Wie immer ist die Atmosphäre in der Bujtina Margjeka herzlich – und auch das Essen trägt dazu bei. Obwohl Janette, die Besitzerin der Bujtina, das Menü bereits mit uns abgestimmt hat, kommt sie noch einmal persönlich zu mir und fragt nach den Wünschen meiner Gäste. Sie möchte wissen, ob sie lieber den frischen Lachs aus dem Fluss Valbona oder Fleischgerichte wählen möchten. Gerade solche kleinen Gesten machen den Unterschied. Der Gast fühlt sich nicht einfach als Kunde, sondern als Mensch wahrgenommen. Diese persönliche Aufmerksamkeit ist es, die die Bujtina Margjeka so besonders macht.
Nach dem gemeinsamen Abendessen beginnt die Vorbereitung auf den nächsten Tag: die Königswanderung von Valbona nach Theth. Diese Etappe gehört nicht nur zu den schönsten Wanderungen der Albanischen Alpen, sondern stellt für einige Teilnehmer auch die größte Herausforderung der Reise dar. Nicht ohne Grund wird sie im Deutschen oft als „Die Königswanderung“ bezeichnet.
Am Abend nehme ich mir Zeit für meine Gruppe und erkläre, was sie erwartet: atemberaubende Landschaften, besondere Momente unterwegs, aber auch die Herausforderungen dieser einzigartigen Wanderung.
Natürlich kommen dabei auch Fragen auf: „Aurel, meinst du, ich kann diese Wanderung schaffen?“ Solche Fragen sind vollkommen normal. Viele Teilnehmer möchten wissen, ob sie dieser Herausforderung gewachsen sind und die Gruppe nicht belasten. Da ich meine Gäste während der gesamten Reisebegleite und ihre körperliche Verfassung kenne, kann ich ihnen eine ehrliche Einschätzung geben. Manchmal gehört es auch zu meiner Aufgabe, einem Gast zu empfehlen, auf diese Etappe zu verzichten – auch wenn der Wunsch, diesen besonderen Moment mit der Gruppe zu erleben, sehr groß ist. Denn die Wanderung von Valbona nach Theth ist keine gewöhnliche Spazierstrecke. Sie verlangt Energie, Konzentration, Vorsicht und Ausdauer. Ein spontaner Abbruch unterwegs ist nicht einfach möglich, da unser Fahrzeug bereits mit dem Gepäck weiter nach Theth fährt. Genau deshalb ist es mir wichtig, dass jeder Teilnehmer weiß, was ihn erwartet. Die Königswanderung ist nicht nur eine körperliche Herausforderung, sondern ein Erlebnis, das Vorbereitung, Respekt vor der Natur und die richtige Einstellung erfordert. Bereits am Vorabend empfehle ich meinen Gästen, am Morgen direkt nach dem Aufstehen reichlich Wasser zu trinken – auch ohne Durstgefühl. Dadurch startet der Körper besser hydriert in die Wanderung und das Risiko von Dehydrierung und Erschöpfung wird reduziert. Das ist sehr wichtig für jeden Wanderer.
Die Königswanderung beginnt – von Valbona nach Theth
Die Wanderung von der Bujtina Margjeka nach Theth gehört zu den bekanntesten Routen der Albanischen Alpen. Die gesamte Strecke beträgt ungefähr 17,4 Kilometer und wird in mehrere Etappen aufgeteilt, wobei die ersten Abschnitte gleichzeitig die schönsten und anspruchsvollsten sind. Wir starten früh am Morgen – noch vor Sonnenaufgang. So vermeiden wir, dass die größte Hitze des Tages den schwierigen Aufstieg begleitet.
Eine besondere Regel bei meinen Gruppen ist, dass wir die ersten Kilometer Richtung Ragam bis zum Manuels Bar (1000 m über dem Meeresspiegel) nicht vollständig zu Fuß zurücklegen. Dort beginnt der eigentliche Aufstieg. Der Weg durch das trockene Flussbett der Valbona ist zwar landschaftlich beeindruckend, kann aber durch die reflektierenden Steine und die Sonne sehr anstrengend sein. Deshalb organisiere ich ein Allradfahrzeug, das uns bis zum Ausgangspunkt der Wanderung bringt. Die Fahrt dauert etwa 30 Minuten, ist aber oft schon ein erstes gemeinsames Erlebnis des Tages. Auf dem steilen Bergweg sorgt das Hin- und Herbewegen des Fahrzeugs regelmäßig für Lachen, Scherze und eine besondere Stimmung in der Gruppe. Solche Momente lassen sich kaum mit Fotos oder Videos festhalten – sie entstehen einfach durch das gemeinsame Erleben.
Der Beginn des Aufstiegs
Am Ausgangspunkt angekommen, nehmen wir unsere Rucksäcke und bereiten uns auf den Aufstieg vor. Bevor wir starten, gebe ich meinen Gästen noch einige wichtige Hinweise: ausreichend trinken, Kräfte einteilen und nicht zu schnell beginnen.
Während der Wanderung achte ich darauf, dass die Gruppe gut organisiert bleibt. Eine erfahrene Person gibt vorne das Tempo vor, ich selbst bleibe meistens in der Mitte und am Ende unterstützt uns eine weitere zuverlässige Person. Diese Organisation funktioniert besonders gut mit deutschsprachigen Gruppen. Ich schätze sehr ihr Verantwortungsgefühl, ihre Disziplin und ihre Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen. Genau diese Eigenschaften schaffen schnell ein starkes Gemeinschaftsgefühl – und machen eine solche Wanderung auch für mich als Reiseleiter zu einem besonderen Erlebnis.
Der erste Anstieg und die Wasserquelle bei Simons Bar
Der erste Anstieg führt über rund 450 Höhenmeter oder 1450 m über dem Meeresspiegel und verlangt den Teilnehmern bereits einiges ab. Gleichzeitig wird die Aussicht mit jedem Schritt beeindruckender.
An einigen Stellen wird der Weg etwas anspruchsvoller und erfordert Konzentration sowie einen sicheren Tritt. Gerade diese Passagen machen den Charakter einer echten alpinen Wanderung aus.
Nach den ersten 450 Höhenmetern erreichen wir unsere erste wichtige Pause – die ideale Gelegenheit, um neue Kraft zu sammeln und die Wasserflaschen aufzufüllen. Dafür gibt es kaum einen besseren Ort als die kleine Bar von Simon, einem Einheimischen aus der Region. Neben Getränken für Wanderer bietet er etwas noch Wertvolleres an: den Zugang zu einer natürlichen Quelle mit klarem, kaltem Bergwasser aus den Albanischen Alpen.
Nach dem ersten Aufstieg ist dieses Wasser weit mehr als nur eine Erfrischung – es gehört zu den besonderen Momenten dieser Wanderung.
Der Aufstieg zum Valbona-Pass – ein Moment, den niemand vergisst
Nach der Pause bei Simons Bar setzen wir unsere Wanderung in Richtung Qafa e Valbonës fort.
Mit jedem Höhenmeter öffnet sich der Blick weiter über das Tal. Das intensive Grün der Wälder kontrastiert mit dem hellen Flussbett der Valbona, das von oben wie eine riesige weiße Schlange wirkt, die sich durch die Landschaft windet. Hinter uns erhebt sich der mächtige Jezerca mit seinen 2.694 Metern, der zweithöchste Berg Albaniens.
Der zweite Abschnitt des Aufstiegs dauert etwa zwei Stunden. Doch bei dieser Wanderung geht es nicht darum, als Erster anzukommen. Jeder findet seinen eigenen Rhythmus, denn der Berg gibt das Tempo vor.Der Weg ist steinig und stellenweise etwas rutschig. Gelegentlich helfen auch die Hände dabei, sicheren Halt zu finden – ein ganz normaler Teil einer alpinen Wanderung.
Unser Treffpunkt ist die Qafa e Valbonës, der höchste Punkt der Strecke. Dort kommen alle wieder zusammen, bevor wir gemeinsam den Abstieg beginnen.
Bis dahin nimmt sich jeder Zeit, diesen besonderen Moment zu genießen. Denn die Landschaft ist so beeindruckend, dass man beinahe automatisch langsamer wird, um sie bewusst zu erleben.
Die Ankunft am Valbona-Pass – ein unvergesslicher Moment
Wisst ihr, welcher Moment für mich persönlich der schönste dieser Wanderung ist? Die Ankunft am Valbona-Pass. Es ist jedes Mal ein bewegender Augenblick, wenn ich die Gesichter der Menschen sehe, die dieses Panorama zum ersten Mal vor sich haben. Fast immer passiert dasselbe: Alle bleiben stehen, schauen in dieselbe Richtung und rufen voller Staunen: „Oh mein Gott ... Was ist das denn? Das gibt's doch nicht!“
Solche Reaktionen überraschen mich selbst nach all den Jahren immer wieder. Denn was sich hier vor den Augen öffnet, übertrifft oft selbst die Erwartungen derjenigen, die bereits unzählige Fotos der Albanischen Alpen gesehen haben. Gewaltige Bergketten, schroffe Felsformationen, tiefe Wälder und Wolken, die scheinbar zwischen den Gipfeln schweben, verschmelzen zu einer Landschaft, die wie ein riesiges Gemälde wirkt. Dazu kommen der Duft unzähliger Blumen und die klaren Quellen, aus denen frisches Bergwasser aus den Höhen der Alpen fließt. All diese Eindrücke machen diesen Ort zu etwas ganz Besonderem.
Der Abstieg nach Theth beginnt
Nach diesem unvergesslichen Moment beginnt der Abstieg nach Theth. Zu Beginn erfordert der steinige Untergrund noch etwas Aufmerksamkeit, weshalb ich in der Nähe meiner Gäste bleibe, bis alle diesen Abschnitt sicher passiert haben.
Mit jedem Höhenmeter wird der Weg jedoch einfacher. Die größte Herausforderung liegt nun hinter uns, während uns die beeindruckende Landschaft weiterhin auf dem Weg nach Theth begleitet.
Durch die Wälder der Albanischen Alpen – auf dem Weg nach Theth
Nach etwa 45 Minuten Wanderung erreichen wir einen wunderschönen Platz, von dem aus sich ein beeindruckender Blick eröffnet. Vor uns liegen die Berge hinter dem Dorf Theth, und bei klarer Sicht können wir sogar die Gebirgsketten Montenegros erkennen. In dieser einzigartigen Bergwelt, in der die Grenze zwischen Albanien und Montenegro verläuft, machen wir eine längere Pause und genießen unser Lunchpaket.
Nicht selten begleiten uns auf diesem Abschnitt einige freilebende Hunde aus den Bergen. Viele Wanderer teilen unterwegs etwas von ihrem Essen mit ihnen, weshalb sie den Menschen oft ein Stück des Weges folgen. Auch ich habe mir mit der Zeit angewöhnt, übrig gebliebene Lebensmittel aus der Unterkunft mitzunehmen. Ich weiß, dass diese Tiere manchmal schon auf die Wanderer warten. Und tatsächlich: Sobald sie uns sehen, kommen sie neugierig und voller Freude auf uns zu. Nach unserer Pause kümmern wir uns auch um unsere kleinen Begleiter und geben ihnen etwas zu essen und Wasser. Oft trinken sie direkt aus meiner Hand. Für mich sind solche Momente etwas ganz Besonderes – ein stilles Zeichen von Vertrauen und einer natürlichen Verbindung zwischen Mensch und Tier. Danach setzen wir unseren Weg nach Theth fort. Einige der Hunde begleiten uns noch ein Stück, fast so, als wollten sie sich für diese kleine Aufmerksamkeit bedanken.
Der entspannte Teil der Wanderung beginnt
Von diesem Punkt aus liegen noch ungefähr drei Stunden Wanderung vor uns. Der Weg wird nun deutlich angenehmer, denn wir steigen größtenteils durch den Schatten eines beeindruckenden Waldes ab.
Die üppige Vegetation und die Vielfalt der Bäume sind außergewöhnlich. Buchen, Eichen und viele andere Baumarten bilden einen dichten Wald, in dem zahlreiche Bäume eine Höhe von bis zu 30 Metern erreichen. Auch die Stimmung in der Gruppe verändert sich. Nach der anspruchsvollen Etappe werden die Teilnehmer ruhiger, entspannter und beginnen, den Moment einfach zu genießen. Immer wieder höre ich, wie sehr sie diese Erfahrung schätzen und wie froh sie sind, diese Reise gemacht zu haben. Für mich persönlich ist genau das die schönste Anerkennung meiner Arbeit. Eine solche Aufgabe kann man nur mit Leidenschaft ausüben. Es reicht nicht, eine Route zu kennen – man muss die Region lieben und die Freude der Menschen spüren, denen man sie zeigt.
Die letzte Erfrischung und der „Harry-Potter-Wald“
Nach ungefähr vier weiteren Kilometern erreichen wir noch einmal eine kristallklare Quelle. Es ist die letzte Möglichkeit, unsere Wasserflaschen aufzufüllen und uns mit frischem Bergwasser zu erfrischen. Danach setzen wir unseren Abstieg durch den dichten Wald fort. Die hohen Bäume, das Licht zwischen den Blättern und die besondere Stille dieses Ortes verleihen der Landschaft eine fast unwirkliche Atmosphäre.
Ich nenne diesen Abschnitt gerne den „Harry-Potter-Wald“, denn tatsächlich fühlt man sich hier beinahe wie in einer anderen Welt.
Der erste Blick auf Theth
Nach ungefähr einer weiteren Stunde erreichen wir einen neuen Höhepunkt dieser Wanderung. Nachdem wir den dichten Wald verlassen haben, öffnet sich vor uns erneut ein spektakuläres Panorama. Vor unseren Augen liegen die gewaltigen Gebirgsketten entlang der Grenze zwischen Albanien und Montenegro. Egal, wohin man schaut – überall erheben sich Berge. Inmitten dieser beeindruckenden Landschaft spürt man, wie klein der Mensch im Vergleich zur Größe und Schönheit der Natur ist. Natürlich nutzen wir diesen Moment für Gruppenfotos. Auf diesem beliebten Wanderweg ist es jedoch nicht immer einfach, einen perfekten Platz ohne andere Menschen im Hintergrund zu finden, denn Besucher aus aller Welt kommen hierher.
Nachdem wir unser „letztes Foto“ gemacht haben, setzen wir unseren Weg noch etwa 1,3 Kilometer fort. Und dann passiert es wieder: Die gleichen erstaunten Ausrufe wie zuvor. Hinter der nächsten Kurve eröffnet sich erneut ein atemberaubender Blick auf die Bergwelt. Wieder stehen wir staunend vor einer Landschaft, die uns sprachlos macht – und natürlich entstehen auch hier noch einige weitere Fotos. Danach geht es weiter zu unserem endgültigen Ziel: unserem Hotel im Zentrum von Theth.
Die Königswanderung neigt sich langsam dem Ende zu – doch die Eindrücke dieses Tages bleiben noch lange in Erinnerung.
Ankunft in Theth – müde, aber voller Glück
Müde, aber glücklich erreichen wir schließlich unser Hotel in Theth: Harusha 1 oder das Hotel Alpet
Beide Unterkünfte sind traditionelle Familienbetriebe. Die Zimmer sind sauber und einfach eingerichtet – ohne übermäßigen Luxus, aber genau das, was man nach einer langen Bergwanderung braucht. Denn in diesem Moment zählt etwas anderes viel mehr als Luxus. Es gibt kaum einen schöneren Augenblick für mich, als die Gesichter meiner Gäste zu sehen, wenn sie erschöpft, aber voller Stolz und Zufriedenheit im Hof der Unterkunft auf den Holzbänken sitzen. Sie gratulieren sich gegenseitig zu ihrer Leistung, erzählen von den schönsten Momenten des Tages und genießen einfach das Gefühl, etwas Besonderes geschafft zu haben. Währenddessen kommt der Kellner, nimmt die Bestellungen auf und bringt wenig später die Getränke. Manchmal schaut er mich erstaunt an und sagt auf Albanisch: „Wie können diese Touristen nur so fit sein? Sie kommen gerade erst an und wollen schon ein Bier trinken!“ Was er jedoch nicht weiß: Nach einer langen Wanderung verliert der Körper durch das Schwitzen nicht nur Flüssigkeit, sondern auch wichtige Mineralstoffe und Elektrolyte. Ein kühles Bier enthält unter anderem Kalium, Magnesium, einige Vitamine der B-Gruppe und Kohlenhydrate, die nach einer solchen körperlichen Anstrengung zur Erholung beitragen können. Gleichzeitig sorgt es für die gewünschte Erfrischung nach dieser besonderen Herausforderung.
Das Gepäck kommt nach Theth
Obwohl wir bereits angekommen sind, müssen wir noch etwas auf unser Gepäck warten. Unser Fahrer hat eine lange Strecke zurückgelegt, um mit unserem Sprinter nach Theth zu gelangen. Deshalb ist es völlig normal, dass wir früher ankommen als unser Fahrzeug. Nach ungefähr einer bis eineinhalb Stunden trifft auch unser Gepäck ein. Andere Reisende, die diese Route unabhängig organisieren, nutzen häufig eine andere Möglichkeit: Lokale Pferdeführer transportieren Taschen und Koffer mit Pferden von Valbona nach Theth und natürlich auch wieder zurück.
Nachdem wir uns etwas ausgeruht haben, nehmen die Gäste ihre Taschen und Zimmerschlüssel entgegen und ziehen sich für eine kurze Erholung zurück. Entspannung ist angesagt.
Ein gemeinsamer Abend in Theth
Einige Stunden später treffen wir uns wieder zum gemeinsamen Abendessen im Restaurant des Hotels. Das Menü wurde bereits im Voraus für die gesamte Gruppe organisiert – genau das, was man nach einem solchen Tag erwartet: frische Produkte aus der Region, großzügige Portionen und eine Qualität, die man bei jedem Bissen spürt. Damit geht ein außergewöhnlicher Tag unserer Reise langsam zu Ende.
Kurz vor dem Ende des Abendessens erkläre ich der Gruppe noch den Ablauf des nächsten Tages. Und während wir diesen Abend ausklingen lassen, wird uns allen bewusst, was wir gemeinsam erlebt haben: Ein Tag voller Anstrengung, Schönheit, Begegnungen und Emotionen – ein Tag, den niemand von uns so schnell vergessen wird.
Ich grüße euch alle mit diesem Lied „Von Valbona nach Theth“ und möchte mich bei euch für euer Vertrauen, eure Wertschätzung und euren Respekt bedanken, den ihr mir über all die Jahre entgegengebracht habt.
Dieses Lied ist eine kleine Erinnerung an gemeinsame Wege, besondere Momente und unvergessliche Erlebnisse in den Bergen Albaniens.
Euer Aurel